
Ein Echo über den Atlantik – Konzertabend im Chilehaus
Sergio Cervetti hat mit uns über Musik als Ausdruck von Erinnerung, Liebe und innerer Freude gesprochen. Besonders zeigt sich diese Haltung in seinem Werk Sunset at Noon – Four Epitaphs in Times of AIDS, welches beim anstehenden Konzert „Resonancias Hispánicas – ein Echo über den Atlantik“ aufgeführt wird. Ein Konzertabend, der lateinamerikanische Musik und ihre vielfältigen Stimmen ins Zentrum rückt.
Der 1940 in Uruguay geborene Komponist Sergio Cervetti zählt zu den wichtigsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen lateinamerikanischen Musik. Schon früh lernte er Klavier und begeisterte sich etwa für die Werke von Franz Liszt und Frédéric Chopin. Besonders Liszts Mephisto-Walzer bezeichnet Cervetti bis heute als eines seiner Lieblingsstücke. Gleichzeitig entwickelte er früh eine eigene musikalische Sprache und begann bereits als 16-Jähriger zu komponieren.
Eines seiner Werke, ein Klaviertrio, wurde 1966 in Caracas mit einem Kammermusikpreis ausgezeichnet. Auch der Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt äußerte sich in der Zeitschrift Melos begeistert darüber. Das hatte zur Folge, dass der Deutsche Akademische Austauschdienst Sergio Cervetti 1969 als Composer in Residence nach West-Berlin einlud. Dort eröffnete sich ihm eine Welt neuer musikalischer Begegnungen, und Komponisten wie György Ligeti, Krzysztof Penderecki und Luigi Dallapiccola wurden Teil seines künstlerischen Umfelds. Auf diese Zeit seines Lebens in Deutschland blickt er noch heute mit sehr viel Dankbarkeit zurück, wie im Gespräch mit Moriz Großmann von der DSM klar wird.
Dann erzählt Sergio Cervetti von seinem Werk Sunset at Noon – Four Epitaphs in Times of AIDS, das als Auftragskomposition für Violine und Viola entstand und für Cervetti zu einem emotionalen Stück voller Erinnerungen wurde. Denn acht seiner Studenten an der New York University starben an AIDS. „Ich hatte jeden Morgen Angst, zur NYU zu gehen“, erzählt Cervetti im Interview. „Jeden Morgen wurde mir gesagt, diese oder jene Person sei verstorben.“ Seine Trauer über diese Verluste wurde zum Ausgangspunkt der Komposition. Bereits der Titel des Werkes deutet auf diesen Hintergrund hin: Der „Sunset“ (Sonnenuntergang) findet normalerweise am Ende des Tages statt und nicht mittags um zwölf Uhr; das Bild des Sonnenuntergangs zur Mittagszeit steht also für ein Leben, das viel zu früh endet. Dennoch versteht Cervetti sein Werk nicht als Requiem oder ausschließlich als traurige Musik. Im Gegenteil: Für ihn ist Musik immer auch Ausdruck von Freude und Dankbarkeit. Das Werk soll „mit großer innerer Freude“ gespielt werden.
Gerade dieser Kontrast macht Sunset at Noon so bewegend. Trauer und Dankbarkeit, Verlust und Freude stehen nebeneinander. Besonders der letzte Satz, Hymn. In memoriam Drew Dreeland, hat eine fast spirituelle Ebene und soll mit „einer Art religiöser Verehrung“ aufgeführt werden. Der Satz ist einem Studenten gewidmet, der die Universität vorzeitig verlassen wollte, um evangelischer Priester zu werden. Cervetti beschreibt die Musik als eine Form der Erinnerung, die die Würde der Menschen bewahrt und ihre Leben weiterfeiert.
Veronika Miezcnikowski und Jimin Jang werden am 30. Juni 2026 diese neo-romantische, beinahe schon minimalistiche Komposition von Sergio Cervetti mit besonderem Fingerspitzengefühl und mit der großer inneren Freude spielen, die sich Cervetti für das Stück vorstellt.
Bei unserem Konzert „Resonancias Hispánicas – ein Echo über den Atlantik“ am 30. Juni 2026 in Kooperation mit dem Insituto Cervantes im Chilehaus wird neben dem Werk von Cervetti auch ein Publikumsliebling aus Lateinamerika zu hören sein: Astor Piazzolla. Aus seinen Vier Jahreszeiten werden zwei Sätze gespielt. Freuen Sie sich auf einen abwechslungsreichen Abend voller Musik aus lateinamerikanischer Feder mit unseren drei Stipendiatinnen und Stipendiaten Veronika Miezcnikowski (Violine), Jimin Jang (Viola) und Felix Rosenboom (Violoncello).
„Resonancias Hispánicas – ein Echo über den Atlantik“
Dienstag, den 30. Juni 2026
19 Uhr
Konzert mit Veronika Miezcnikowski, Jimin Jang und Felix Rosenboom
Instituto Cervantes, Chilehaus
Fischertwiete 1, 20095 Hamburg
Bitte melden Sie sich per E-Mail unter oder telefonisch unter 040 360 91 55 0 für Ihren Konzertbesuch an.
